Unfassbar

by Karl-Heinz Thielmann on 27. März 2015

Das Wort, was man in den letzten Tagen sehr oft in den Medien lesen konnte, was man in persönlichen Gesprächen vielfach hörte, und auch selbst verwendet hat, war unfassbar.

Unfassbar, dass heutzutage in Mitteleuropa ein Flugzeug einer relativ sicheren Airline einfach so gegen den Berg fliegt. Unfassbar, dass so viele Menschen wie Du und ich davon betroffen waren. Unfassbar, dass der Absturz offenbar vom Copiloten absichtlich herbeigeführt wurde. Unfassbar, dass der Pilot nichts daran ändern konnte, weil Anti-Terror-Sicherungen an den Türen ihn daran hinderten.

Wieder hat jemand Sicherheitslücken im System gesucht, gefunden und genutzt, um sich und andere umzubringen. Perverser Weise nutzten ihm sogar die Sicherheitsvorkehrungen zur Abwehr gegen andere, bekannte Gefahren.

Dieses Unglück ist für uns näher als andere, aber im Prinzip genauso so unfassbar wie das Verschwinden von MH 370, der Abschuss von MH 17 über der Ostukraine, das Attentat auf Charlie Hebdo im Januar; der Anschlag von Anders Breivik auf ein Jugendlager in Norwegen 2011; oder der Amoklauf von Winnenden 2009. Unfassbar wie die vielen Selbstmordattentate, die sich beginnend mit den Anschlägen vom 11. September 2001 ereignet haben.

In der Finanzwelt haben wir uns inzwischen an den Begriff des schwarzen Schwan gewöhnt. Der Begriff wurde von Nassim Taleb populär gemacht. er beschreibt er die Häufigkeit und die Wirkung von Ereignissen, die für fast alle Menschen als unvorstellbar gelten. Sie werden praktisch für unmöglich gehalten, passieren aber gelegentlich doch einmal. Dann werden sie als völlig überraschend wahrgenommen und haben gravierende Konsequenzen. Weiterhin beschrieb Taleb, wie schwierig es für Menschen ist, mit solchen Ereignissen umzugehen. Dies führt zu „narrativen Verzerrungen“, die aus der nachträglichen Konstruktion von Erklärungen besteht, um einem Ereignis einen plausiblen Grund zu verleihen, selbst wenn sich die Fakten gar nicht rekonstruieren lassen.

Der Absturz von 4U 9525 war ein schwarzer Schwan. Er hätte sich nur verhindern lassen, wenn Germanwings seinen Piloten grundsätzlich misstraut und entsprechende Kontrollen eingeführt hätte. Hierauf ist man aber bei einer Airline, die sehr stolz auf ihre Piloten ist, nicht einmal im Traum gekommen.

In unserer modernen westlichen Welt leben wir in einer „Rationalitätsillusion“; d. h. wir gehen davon aus, dass Menschen ihren Verstand grundsätzlich nicht dazu einsetzen, anderen oder sich selbst zu schaden. Es ist nicht vorstellbar, dass jemand etwas tut, was das eigene Leben gefährdet, es sei denn, er ist psychisch oder sonst wie schwer krank. Insbesondere aber können wir uns nicht vorstellen, dass jemand absichtlich und wohlüberlegt das Leben anderer Menschen in Gefahr bringt. Dennoch geschieht dies gelegentlich, wenn auch nur sehr selten.

Ich möchte hier gar nicht über Motive spekulieren, da wissen Psychologen sicherlich mehr. Ich glaube aber auch, dass die Beschäftigung mit dem Motiv nicht wirklich weiterbringt. Die eingehende Frage nach dem „Warum?“ wird nur wieder zu narrativen Verzerrungen führen. Denn egal, ob nun eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, religiöser bzw. nationalistischer Fanatismus oder übersteigerte Gewinngier das Motiv ist, Fakt bleibt, dass es immer wieder Menschen gibt, die ihren rationalen Verstand dazu einsetzen, andere Menschen (und manchmal sich selbst mit) umzubringen. Ein weiterer Fakt ist, dass dies praktisch immer Personen waren, denen niemand Taten von einer schrecklichen Dimension zugetraut hat und die deswegen vorher auch nicht verdächtig waren.

Obwohl wir im Fernsehkrimi in der Feierabendunterhaltung rücksichtslose und manchmal auch selbstzerstörerische Mörder in allen erdenklichen Formen vorgeführt bekommen, ist es immer wieder ein Schock, wenn sie im wirklichen Leben tätig werden. Und in der Realität sind sie oft noch viel einfallsreicher als im Fernsehen. Vor allem die Polizei ist viel hilfloser, was ihre Bekämpfung angeht, weil sie 1) unter Kostenzwängen leidet und 2) an rechtsstaatliche Regeln gebunden ist.

Wir werden damit leben müssen, dass es immer wieder zu „unfassbaren“ Ereignissen kommt. Maßnahmen zur Sicherheit wie aufbruchssichere Cockpittüren schaffen neue Risikofaktoren, die von einfallsreichen Gewalttätern genutzt werden können. Und es wird immer wieder Menschen geben, die vor allem zerstören wollen, und dies auch mit kühlem und rationalem Verstand verfolgen.

Dennoch müssen diese Schrecken unfassbar bleiben. Denn wir können sie nicht konkret erwarten. Wenn wir es doch tun würden, müssten wir Gefahren an jeder Ecke vermuten. Doch dies wäre paranoid, denn dazu sind diese (Selbst-)Zerstörungsaktionen dann doch zu selten. Paranoia würde zudem unser Zusammenleben vergiften; dann würde das Leben keinen Spaß mehr machen. Und dies sollte man auf keinen Fall zulassen.

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